Klimarisiken in der Supply Chain: Warum Extremwetter zur Chefsache wird
Hitze, Starkregen, Überschwemmungen, Sturmereignisse oder Dürren: Extremwetter ist längst kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Risikofaktor für globale Supply Chains. Immer häufiger stehen Containerterminals still, Bahnstrecken werden unterbrochen, Lagerhallen überflutet oder Produktionswerke mangels Kühlung gedrosselt.
Für Unternehmen in Europa bedeutet das: Klimarisiken in der Supply Chain müssen systematisch analysiert, bewertet und aktiv gesteuert werden. Wer seine Logistik nicht gegen Extremwetter absichert, riskiert Lieferausfälle, Vertragsstrafen, Reputationsschäden – und steigende Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Typische Klimarisiken in der Logistik- und Lieferkette
Klimarisiken wirken entlang aller Stufen der Supply Chain: von der Rohstoffbeschaffung über die Produktion bis zur Distribution. Die Auswirkungen sind vielschichtig und je nach Branche unterschiedlich, einige Muster lassen sich jedoch klar erkennen.
Besonders relevant für Transportlogistik und Warenflüsse sind:
- Starkregen und Überschwemmungen: Überflutete Straßen, unpassierbare Brücken, gesperrte Bahntrassen, geschlossene Lagerstandorte und Hafenanlagen.
- Hitzewellen: Überlastete Kühlketten, geringere Tragfähigkeit von Schienen, Fahrverbote oder Einschränkungen für Lkw, reduzierte Arbeitsleistung im Lager.
- Stürme und Orkane: Sturmfluten in Nordseehäfen, beschädigte Infrastruktur, Containerverlust, Stromausfälle in Distributionszentren.
- Dürre und Niedrigwasser: Einschränkungen für die Binnenschifffahrt auf Rhein, Donau oder Elbe, geringere Ladekapazitäten, Umwegtransporte auf Straße und Schiene.
- Kältewellen und Schnee: Blockierte Verkehrswege, vereiste Rangierbahnhöfe, Unterbrechung von Just-in-time- und Just-in-sequence-Lieferungen.
Klimarisiken sind damit längst nicht mehr nur ein Thema für Energieversorger oder die Landwirtschaft, sondern treffen sämtliche Industrien. Besonders verwundbar sind global verzweigte Lieferketten mit hohem Outsourcing-Anteil und geringer Lagerreichweite.
Verwundbare Knotenpunkte der Supply Chain
Nicht jede Stelle einer Lieferkette ist gleich anfällig. Unternehmen sollten gezielt jene Knotenpunkte identifizieren, an denen Klimarisiken den größten Schaden anrichten können. Typische Hotspots sind:
- Produktionsstandorte in Risikoregionen, etwa in Küstengebieten mit Sturmflutgefahr oder in Regionen, die regelmäßig unter Hitzewellen und Wasserknappheit leiden.
- Häfen und Terminals, insbesondere an Nordsee und Mittelmeer, wo Wind, Wasserstand und Sturmereignisse die Abfertigung massiv beeinträchtigen können.
- Logistikzentren und Lager, die in Überschwemmungsgebieten oder schlecht entwässerten Gewerbegebieten liegen.
- Transportkorridore wie Alpenpässe, Rheinachse oder zentrale Bahntrassen, auf die mehrere Lieferketten gleichzeitig angewiesen sind.
Gerade in Europa zeigt sich, dass klimabedingte Unterbrechungen häufig auf dieselben empfindlichen Infrastruksen treffen. Fällt beispielsweise der Rhein als Hauptachse für die Binnenschifffahrt durch Niedrigwasser aus, sind nicht nur einzelne Unternehmen betroffen, sondern ganze Branchencluster – etwa Chemie, Stahl oder Energie.
Risikobewertung: Klimarisiken in der Supply Chain sichtbar machen
Bevor Unternehmen ihre Logistik gegen Extremwetter absichern können, müssen sie die eigenen Klimarisiken in der Supply Chain systematisch erfassen. Viele Firmen kombinieren hierfür klassische Risikoanalyse-Methoden mit neuen Datenquellen.
Zentrale Schritte sind:
- Mapping der Supply Chain: Transparente Darstellung aller wesentlichen Lieferanten, Produktionswerke, Logistikstandorte und Transportwege – inklusive geografischer Verortung.
- Nutzung von Klimadaten und Szenarien: Einbindung von Wetter- und Klimaprojektionen, Hochwasserkarten, Hitzekarten oder Dürreindizes, um zukünftige Extremwetter-Risiken besser zu verstehen.
- Bewertung von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe: Welche Standorte und Routen sind wie oft betroffen? Wie hoch sind potenzielle Ausfallkosten, Lieferverzögerungen oder Schäden an Anlagen und Beständen?
- Enger Austausch mit Logistikdienstleistern: Spediteure, Reeder, Bahn-Operatoren und 3PLs verfügen häufig über eigene Risikoanalysen und Erfahrung mit klimabedingten Störungen.
Besonders hilfreich ist ein risikobasiertes Ranking: Welche Lieferanten und Logistikpartner sind „kritisch“? Wo besteht eine hohe Abhängigkeit ohne Backup? Diese Transparenz ist Voraussetzung für eine gezielte Resilienzstrategie.
Strategien zur Absicherung der Logistik gegen Extremwetter
Resiliente Supply Chains entstehen nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch ein Bündel an organisatorischen, technischen und infrastrukturellen Lösungen. Mehrere Ansatzpunkte haben sich in der Praxis bewährt.
Diversifizierung von Lieferanten, Standorten und Transportwegen
Eine der wichtigsten Maßnahmen gegen klimabedingte Störungen ist die Diversifizierung. Unternehmen sollten Abhängigkeiten von einzelnen Standorten, Regionen oder Transportwegen gezielt reduzieren.
- Multi-Sourcing-Strategien: Kritische Materialien und Komponenten werden nicht nur bei einem einzigen Lieferanten bezogen, sondern auf mehrere Partner in unterschiedlichen Klimazonen verteilt.
- Alternative Transportwege und -modi: Routen über See, Schiene, Straße und Luft werden so kombiniert, dass bei Ausfall einer Achse (z. B. Binnenschifffahrt) schnelle Alternativen verfügbar sind.
- Regionale Produktions- und Lagerstandorte: Teilweise Rückverlagerung („Nearshoring“) oder Aufbau zusätzlicher Lager in Europa, um lange, störungsanfällige Transportketten auszugleichen.
Diversifizierung ist jedoch kein Freifahrtschein. Sie verursacht zusätzliche Kosten und Komplexität, muss daher klar priorisiert und an die tatsächliche Risikolage angepasst werden.
Infrastruktur und Lagerlogistik klimaresilient gestalten
Neben strategischen Fragen rückt die physische Ausgestaltung von Logistik- und Produktionsstandorten in den Fokus. Wer neue Lager- oder Distributionszentren plant, sollte Klimarisiken bereits in der Standortwahl und im Gebäudedesign berücksichtigen.
- Hochwasserschutz: Erhöhte Rampen, wasserdichte Tore, Rückstauklappen, angepasste Drainage-Systeme sowie die räumliche Trennung kritischer IT- und Technikbereiche von gefährdeten Zonen.
- Hitzeanpassung: Effiziente Kühl- und Klimatisierungssysteme, Verschattung, intelligente Belüftung sowie temperaturgeführte Lagerzonen für sensible Güter.
- Notstromversorgung: Backup-Generatoren, USV-Anlagen und redundante IT-Infrastruktur, um auch bei Stromausfällen weiter kommissionieren und verladen zu können.
- Gebäude- und Flächenplanung: Auswahl von Standorten außerhalb bekannter Überschwemmungsgebiete, ausreichend befestigte Verkehrsflächen und witterungsunabhängige Verladebereiche.
In vielen Fällen lohnt sich zudem die Nachrüstung bestehender Gebäude. Gerade ältere Lagerhallen sind oft nicht auf Starkregenereignisse oder längere Hitzewellen ausgelegt.
Digitale Tools: Echtzeit-Transparenz und Frühwarnsysteme
Digitale Supply-Chain-Transparenz ist ein entscheidender Hebel, um auf Extremwetterereignisse schnell reagieren zu können. Moderne Systeme verbinden Tracking-Daten, IoT-Sensorik und Wetterinformationen.
- Tracking & Tracing-Plattformen: Verfolgung von Sendungen in Echtzeit, inklusive Prognosen für Ankunftszeiten und Abweichungen aufgrund von Wetterereignissen.
- Frühwarnsysteme: Verknüpfung von Transportmanagementsystemen (TMS) mit Wetterdiensten, die bei Unwetterwarnungen automatische Alerts und Handlungsempfehlungen auslösen.
- Digitale Zwillinge der Supply Chain: Simulation verschiedener Extremwetterszenarien, um zu testen, wie robust Routen, Bestände und Kapazitäten tatsächlich sind.
- IoT-Sensorik in der Kühlkette: Kontinuierliche Erfassung von Temperatur, Luftfeuchte und Erschütterungen, um Qualitätseinbußen durch Hitze oder Verzögerungen frühzeitig zu erkennen.
Je besser die Transparenz, desto schneller können Disponenten und Supply-Chain-Manager Routen anpassen, Umladungen organisieren oder alternative Standorte aktivieren.
Bestände und Beschaffungsstrategien an Klimarisiken ausrichten
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Just-in-time-Ansätze und Minimalbestände in unsicheren Umfeldern an ihre Grenzen stoßen. Klimarisiken verstärken diese Unsicherheit. Viele Unternehmen überdenken deshalb ihre Bestandsstrategien.
- Sicherheitsbestände für besonders kritische Komponenten oder Ersatzteile werden gezielt erhöht oder geografisch verteilt.
- Dynamische Bestandsplanung berücksichtigt saisonale Klimarisiken – beispielsweise zusätzliche Vorräte vor bekannten Hochwasser- oder Sturmsaisons.
- Strategische Lagerstandorte werden näher an den Absatzmärkten platziert, um Lieferausfälle in vorgelagerten Stufen besser abzufedern.
Wichtig ist dabei eine Balance: Höhere Bestände erhöhen die Resilienz, binden aber Kapital und Lagerflächen. Datengestützte Prognosen und Szenarioanalysen helfen, ein tragfähiges Niveau zu finden.
Risikotransfer: Versicherungen für klimabedingte Logistikschäden
Nicht jedes Klimarisiko lässt sich durch organisatorische oder technische Maßnahmen vollständig ausschalten. Hier kommen Versicherungen als Instrument des Risikotransfers ins Spiel. Die Versicherungswirtschaft reagiert mit neuen Produkten auf klimabedingte Supply-Chain-Risiken.
Unternehmen können unter anderem folgende Bausteine nutzen:
- Transportversicherungen mit erweiterten Deckungen für Extremwetterereignisse.
- Betriebsunterbrechungsversicherungen, die auch Schäden durch Überschwemmungen, Stürme oder Hitzewellen abdecken.
- Parametrische Versicherungen, bei denen eine Auszahlung erfolgt, sobald ein definierter Wetterindex (z. B. Pegelstand, Windstärke, Temperatur) überschritten wird – unabhängig vom konkret nachgewiesenen Schaden.
Wesentlich ist eine enge Abstimmung zwischen Risikomanagement, Logistikabteilung und Versicherern. Nur wenn Klimarisiken transparent dokumentiert sind, lassen sich passende Deckungskonzepte entwickeln und Prämien optimieren.
Zusammenarbeit in der Lieferkette: Klimarisiken als gemeinsame Aufgabe
Klimarisiken in der Supply Chain lassen sich selten isoliert lösen. Häufig sind mehrere Akteure betroffen: Lieferanten, Logistikdienstleister, Infrastrukturanbieter, Kunden. Eine stärkere Kooperation entlang der Wertschöpfungskette wird daher zum entscheidenden Erfolgsfaktor.
- Gemeinsame Risiko-Workshops mit Schlüssellieferanten und Spediteuren, um Verwundbarkeiten zu identifizieren und abgestimmte Notfallpläne zu entwickeln.
- Branchen- und Clusterinitiativen, etwa in Chemieparks oder Industriegebieten, die gemeinsam in Hochwasserschutz, Notstromversorgung oder alternative Transportlösungen investieren.
- Transparente Kommunikation mit Kunden über klimabedingte Risiken, mögliche Lieferverzögerungen und geplante Resilienzmaßnahmen.
Für Unternehmen in Europa bietet sich zudem die Chance, von Förderprogrammen und EU-Initiativen im Bereich Klimaanpassung und resilienter Infrastruktur zu profitieren. Wer früh aktiv wird, kann sich Wettbewerbsvorteile sichern – etwa durch verlässliche Lieferperformance auch unter erschwerten Bedingungen.
Fazit: Klimarisiken als strategische Dimension des Supply-Chain-Managements
Klimarisiken in der Supply Chain sind keine temporäre Störung, sondern eine dauerhafte Managementaufgabe. Extremwetter wird in Häufigkeit und Intensität weiter zunehmen und damit Beschaffung, Produktion, Transportlogistik und Distribution nachhaltig beeinflussen.
Unternehmen, die ihre Logistik konsequent gegen Extremwetter absichern, kombinieren mehrere Ansätze: Sie schaffen Transparenz über kritische Knotenpunkte, diversifizieren Lieferanten und Routen, investieren in klimaresiliente Infrastruktur und digitale Frühwarnsysteme, passen Bestände an und nutzen Versicherungen gezielt als Risikopuffer.
So wird aus reaktiver Krisenbewältigung eine vorausschauende, strategische Steuerung der Lieferkette – und aus Klimarisiken eine neue Dimension professionellen Supply-Chain-Managements in Europa.
